Die Schüler lernen unter dem Rahmenthema „Die Selbstfindung des Menschen" die Wurzeln der europäischen Kultur und Geistesgeschichte kennen und setzen sich mit bedeutenden Werken der Weltliteratur im Original auseinander.

Ausgehend von den Ursprüngen der dichterischen Gattungen und der Prosaliteratur vollziehen sie nach, wie sich der Mensch allmählich von mythischen Vorstellungen löst und vor dem Hintergrund einer vernunftgesteuerten Weltsicht eine Neu­be­wertung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft vornimmt. Dabei erkennen sie, dass das sich verändernde Denken jeweils neue ästhetische bzw. literarische Ausdrucks­formen hervorgebracht hat. Die jungen Erwachsenen sollen darüber hinaus Parallelen zwischen der historischen Ent­wick­lung des menschlichen Bewusstseins und ihrer persönlichen Reifung erleben, andererseits ge­win­nen sie in der kritischen Distanz zu den Welterklärungsmodellen der Griechen Ori­en­tie­rung und Kriterien für die Ausbildung eines eigenen Welt- und Menschenbildes.

In Jahrgangsstufe 11 gewinnen die Schüler Einsicht in die „Selbstfindung des Menschen", indem sie zunächst Homers Ilias sowohl als ältestes literarisches Kunstwerk Europas als auch unter dem Blickwinkel der mythischen und sozialen Gebundenheit des Menschen analysieren.

Anhand von Texten griechischer Lyriker, Naturphilosophen und Sophisten entdecken sie, wie die traditionellen Denkmuster durch neue Fragestellungen zu theologischen, naturwis­sen­schaftlichen, erkenntnistheoretischen und ethisch-politischen Themen über­wunden werden, und lernen die daraus resultierende Problematik eines Relativismus im Wertesystem ver­ste­hen. Vor diesem Hinter­grund erschließen sie sich Platons Apologie als den sokratischen Ge­genentwurf einer philosophisch-religiös begründeten Ethik, die das europäische Denken bis heute prägt.

Die Jahrgangsstufe 12 thematisiert ebenfalls den übergeordneten Gedanken der Selbstfindung des Menschen. An­hand dreier zentraler Werke der griechischen Literatur verfolgen die Schüler, wie die Frage nach dem Ver­hält­nis zwischen Individuum und politischer Ordnung aufgeworfen und modellhaft beantwortet wird. Bei der Lektüre von Sophokles’ Tragödie Antigone untersuchen sie, inwiefern sich der Ein­zelne auf der Basis eines als übergesetzlich empfundenen Rechts gegen das staatliche Gesetz stellen darf. Anhand ausgewählter Passagen aus Thukydides’ Geschichtswerk Der Pelo­pon­nesische Krieg setzen sie sich mit Ideal und Wirklichkeit der attischen Demokratie im 5. Jahrhundert v. Chr. auseinander. In Platons Politeia reflektieren sie vor dem Hintergrund der platonischen Ideenlehre das Modell einer engen strukturellen Ver­bindung von Indi­vi­duum und Staat.