Beschreibung des Projekts Tanz- und Musicalklasse an bayerischen Gymnasien

  1. Was ist Musical?

    Schauspiel, Tanz, Gesang, Musik – Theater zur Musik, Theater durch Musik, Theater ohne Musik, Theater als Musik … Musik, Tanz und Schauspiel bilden eine Einheit im Musical. An die Darsteller werden komplexe Anforderungen gestellt, da sie gleichzeitig singen, tanzen und schauspielern müssen, wodurch die Vernetzung der Bereiche Sport, Deutsch und Musik offensichtlich ist. Es werden verschiedene Songs in verschiedenen Besetzungen (Chor / Solo / Duett) verwendet und die Tänze sind in der Regel keinem bestimmten, einzelnen Tanzgenre (Ballett, HipHop, Paartanz etc.) zugeordnet. Sie beziehen sich auf die dem Tanz inhärenten Grundbausteine Raum, Zeit und Kraft, die es im Zusammenspiel mit anderen Menschen, Musik und Sprache zu entdecken gilt. Systematisch, erkundend, ausprobierend, geordnet und frei im Gestaltungsprozess – am Ende in einer Choreografie gebündelt und abrufbar, die den szenischen Kontext unterstützen.

    Augen und Ohren sollen geöffnet werden, durch Libretto und Komposition werden Text und Musik verknüpft. Die als Stimulation zur ästhetischen Erfahrung beitragen kann. Körper und Ohren sollen geöffnet werden, durch Choreografie und Komposition werden Bewegung und Musik verknüpft. Augen und Körper sollen geöffnet werden, durch Libretto und Choreografie werden Text und Bewegung verknüpft. Dies alles kann zur ganzheitlichen ästhetischen Erfahrung beitragen.

  2. Begründungen für eine Tanz- und Musicalklasse

    Die Begründungen für eine Tanz- und Musicalklasse orientieren sich an den Argumenten für Chor- und Bandklassen.

    • Jedes Kind erhält unabhängig von sozioökonomischem Status, Herkunft etc. die Möglichkeit einer weiterführenden musisch-ästhetischen Bildung mit Schwerpunkt Tanz – Musical. Dafür sind keine Voraussetzungen erforderlich; die Teilnahme ist kostenneutral.
    • Kinder mit instrumentalen Neigungen die Instrumente Schlagzeug, E-Bass und E-Gitarre (Instrumente, die in der Art im Musischen Zweig nicht angeboten werden können) erhalten die Möglichkeit, diese im Rahmen des Tanz-Musical-Unterrichts einzubringen.
    • Möglichkeit, Musiktheorie praktisch zu erfahren (Beispiele s.u.)
    • Förderung von differenziertem, erlebnisorientiertem Hören
    • Förderung der Bereitschaft zu gemeinsamem, kooperativen Handeln
    • Förderung von Freude und Neugierde im Umgang mit neuen musikalischen Erfahrungen (Bewegungsbegleitung, Bodypercussion, variabler Stimmeinsatz des Lehrers in der Anleitung, genreübergreifende Musikauswahl)
    • Möglichkeit, gemeinsame Bewegung zu Musik als sinnstiftende und ganzheitlich (emotional, sozial, körperlich, kognitiv etc.) befriedigende Betätigung kennenzulernen
    • Auflösung von festgeschriebenen Rollen im Klassenverband
    • Erfahrung von Selbstwirksamkeit, in musikalisch-tänzerisch-stimmlicher oder musikalisch-instrumentaler Hinsicht
    • Die Elemente Bewegung, Tanz und Szene als Bestandteile des modernen Musikunterrichts wahrnehmen.
  3. Inhalte und Wirkungen

    Folgende Inhalte werden im Fachgebiet Tanz – Musical abgedeckt:

    Auf individueller Ebene:

    • musikalische Phänomene und Stimmungen körperlich erfahren
    • den freien Raum durch Systeme und Konzepte (Richtung, Ebene, Fläche, Weg, Punkt, Nähe-Distanz etc.) strukturieren und mit dem eigenen Körper gestaltend erfahren, Orientierung im kleinen (Kinesphäre) wie auch großen Raum (Umwelt)
    • Bewegungsfluss als individuell erfahrbaren Rhythmus und Spannungsbogen im Körper wahrnehmen und verbessern
    • Stimme als Ausdrucksmittel bewusst einsetzen
    • Bewegung und Stimme zu verbinden
    • Musik ganzheitlich erfahren

     

    Auf sozialer Ebene:

    • direkter Kontakt über den eigenen Körper mit den MitschülerInnen – sich verständigen mit und ohne Worte
    • Vertrauen als Basis empathischen Handelns erfahren, da die Sicherheit des eigenen Körpers und der eigenen Stimme in Gruppenarbeiten/Duetten durch die unbedingte Aufmerksamkeit und Fürsorge der Anderen gewährleistet wird
    • sich der Beobachtung durch die MitschülerInnen aussetzen, die den Körper in Bewegung und im szenischen Spiel betrachten – in der heutigen Zeit des perfekt vermarkteten und „gestylten“ Körpers eine wichtige Möglichkeit, den Begriff „Schönheit“ neu zu verorten.
    • sich der Beobachtung durch die Mitschüler und Mitschülerinnen aussetzen, die die Stimme im Gesang und im szenischen Spiel hören – im Zeitalter von Casting-Shows eine wichtige Möglichkeit, den Begriff „Wohlklang“ neu zu verorten.
  4. Konzept, Struktur und Übertragbarkeit

    Das bereits bestehende Konzept für Chor- und Bandklassen lässt sich zum überwiegenden Teil auf eine Tanz- und Musicalklasse übertragen. Der einzige Unterschied läge darin, dass auch die Fächer Sport und Deutsch inhaltlich wie strukturell in die Tanz- und Musicalklasse einbezogen würde. Eine Auswahl der Schüler und Schülerinnen im Vorfeld durch einen Eignungstest soll nicht stattfinden. Dem Konzept liegt die Überzeugung zugrunde, dass jedes Kind tanzen kann. Gerade im Hinblick auf familiäre Hintergründe und individuelle Fördermöglichkeiten eines Kindes bietet die Tanz- und Musicalklasse gleiche Chancen für alle. Dies soll auch für den Bandbereich übertragen werden.

    Die Stundenstruktur einer Tanz- und Musicalklasse in der 5. Jahrgangsstufe am Jean-Paul-Gymnasium:

    1 Stunde aus dem Bereich Musikunterricht für das Einstudieren der Songs
    1 Stunde aus dem Bereich Sportunterricht (differenzierte Sportstunde) für das Einstudieren der Tänze
    1 Stunde aus dem Bereich Deutsch-Intensivierung für die szenische Arbeit
    1 Stunde Chor

    • Schüler und Schülerinnen (maximal sechs = zwei pro Instrument), die den Bereich Band wählen, werden aus dem differenzierten Sportunterricht ausgegliedert und erhalten anstelle dessen in dieser Stunde Instrumentalunterricht in Kleingruppen.
    • SchülerInnen, die den Bereich Gesang/Tanz wählen, nehmen zur weiteren Stimmbildung verpflichtend am Wahlunterricht Chor teil.
  5. Beispiele für die Umsetzung von Lehrplaninhalten der Jahrgangsstufe 5 im Fach Tanz und Musical
    1. Musik

      Tonlängen und Pausen: Bewegungen einzelner Körperteile in bestimmten Zeiträumen als Tonlängen, Anhalten der Bewegung als Pause definieren. Kombiniert mit Musikstücken im 4/4 oder 3/4-Takt kann die Zeitstruktur der Bewegung mit der musikalischen einhergehen, oder sie in der Weiterführung kontrastieren, verdoppeln, halbieren etc. Die Umsetzung der Tonlängen- und Pausenzeichen auf Papierbögen für ein nachfolgendes Bewegungsspiel trägt auch der Verschriftlichung von Musik Rechnung.

      Einblick in das Werk eines Komponisten: Ausschnitt aus dem Werk choreografieren/tanzen und direkt erfahrbar machen, Tanzmotive verkörpern musikalische Motive und werden dadurch klar sichtbar, Motiventwicklung findet auch auf körperlicher Ebene statt (Welche Parameter wurden verändert? Umsetzung in das Tanzmotiv unter Hinzunahme des Parameters Raum).

      Instrumente kennen und unterscheiden: Schüler und Schülerinnen können ggf. selbst Instrumente mitbringen und spielen, so dass die Tänzer frei auf die Klangfarbe improvisieren können.

      Stimmbildung: Bewusster gestalterischer Einsatz der Stimme im Sologesang, Chorgesang und im szenischen Spiel

    2. Sport

      Gesunderhaltung des Körpers/Wirbelsäule: In jeder Unterrichtseinheit Tanz kommen geeignete Kräftigungsübungen des Rumpfes zum Einsatz. In den choreografierten Bewegungsphrasen gibt es immer dynamische Wechsel aus dem Stehen zum Boden und wieder zurück – rückengerechter Ebenenwechsel wird geübt. Genaue Platzierung des Beckens, Beinachsentraining etc. ist im Tanz angewandter Inhalt aus der Biomechanik.

      Greif-, Halte- und Stützkraft: In Partnerübungen und Bodensequenzen, statisch/dynamisch.

      Da es im Bereich Sport (mit Ausnahme des Handlungsfeldes Schwimmen) mannigfaltige Überschneidungen der Inhalte gibt, wird auf weitere Ausführungen an dieser Stelle verzichtet.

    3. Deutsch

      Sprechen: Tanz in Worte zu fassen bedarf eines genauen Umgangs mit der deutschen Sprache. Durch verbale Reflexion des beobachteten Tanzes finden die Kinder Wörter, die das Vorstellungsvermögen der anderen für eine bestimmte präzise Bewegung/tänzerische Situation schärfen.

      Sprache untersuchen, verwenden, gestalten:

      • Laute und Buchstaben vertanzen
      • Wortarten Bewegungen zuordnen und spielerisch/gestaltend umsetzen (Partner liest einen Text)
      • Zeichensetzung in einer vorgegebenen oder improvisierten Bewegungsphrase anwenden:

        Phrasierung und Rhythmisierung des Tanzes („Beende Deinen Tanz mit einem Ausrufezeichen/Punkt/Fragezeichen!“, „Bilde tänzerische Haupt- und Nebensätze, setze Kommas in Deinen Bewegungsfluss!“)

      Sich mit Literatur und Sachtexten auseinandersetzen:

      • inhaltliche Umsetzung einer literarischen Vorlage in Tanzszenen (Libretto eines Kindermusicals und dessen Songs)
      • Monologe / Dialoge auswendig lernen und vor der Gruppe vortragen, gemeinsam szenische Bewegungsabläufe definieren und umsetzen
      • szenisches Sprechen und Singen umsetzen
    4. Englisch
      • Verwendung englischer Fachbegriffe aus dem modern dance (bend, twist, arch, curve etc.)
      • Möglichkeit des generellen Englisch-Sprachgebrauchs im Unterricht bezogen auf Körperteile und Bewegungsaktionen (bilingualer Ansatz).
      • Aufzeigen sprachlicher Vorteile im Englischen beispielhaft an Sprüngen: hop, leap oder jump sind Wörter mit präzisen Angaben zu Sprung- und Spielbein in der Absprung- und Landephase (keine exakten Entsprechungen im Deutschen).
    5. Kunst
      • Auseinandersetzung mit Bühnenbild
      • Herstellung von Requisiten
      • Erstellung von Konzepten für Kostümen
  6. Vorteile eines Projekts Tanz- und Musicalklasse
    • Voraussetzungslose Teilnahme möglich (kostenneutral im Bereich Tanz/Gesang, keine Zugangsprüfung, keine gesonderte Ausstattung im Bereich Tanz/Gesang nötig)
    • Geringer Aufwand bei der Projektentwicklung und -ausarbeitung durch Anlehnung an das Erfolgskonzept Chor-/Bandklasse
    • Weitere Möglichkeit der Profilbildung für Schulen
    • Ganzheitlicher, weiter Musikbegriff: Musik ist auch immer eine ganzkörperliche Erfahrung
    • Konsequent fächerübergreifender Ansatz (insbesondere Musik, Sport und Deutsch)
    • Ankerprojekt LehrplanPLUS
  7. Kooperations- und Ansprechpartner

     

    Jean-Paul-Gymnasium Hof
     
    Schulleitung: OStD Stefan Klein
    Musik:

    StDin Maniana Füg (Englisch/Musik/Musical/Chor) – Konzeption und Ideengeberin
    OStRin Susanne Müller (Musik/Chor/Orchester)

    Sport: StDin Bettina Stelzer (Mathematik/Sport/Musical)
    Deutsch: OStD Stefan Klein  (Deutsch/Geschichte)

     

    Bestehende Kooperationen
     
    Musikschule der Hofer Symphoniker Theater Hof