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Die Geschichte von Lena – oder Julia oder Lara oder Max…

„Sie spielen wie echte Profis“, sagt Anja Stange stolz über ihre Schützlinge Ronja Huß (9a), Marie Tauwaldt (Q11) und Dominik Kusmierz (Q11). Und sie muss es wissen.

Denn Anja Stange hat selbst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin studiert und arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich als Berufsschauspielerin. Als festes Mitglied des Theaterensembles überzeugt sie derzeit das Hofer Publikum etwa als Atossa in „Die Perser“ von Aischylos. Gleichzeitig gibt sie ihren reichhaltigen Erfahrungsschatz gern weiter, leitet nun schon drei Jahre mit reichlich Herzblut und Feuereifer die Theatergruppe des Jean-Paul-Gymnasiums.

Dass sich ihr Einsatz lohnt, zeigt die Qualität des aktuellen Bühnenwerks. In der von Volker Quandt übersetzten Version von Michael Ramløses und Kira Elhauges Zweipersonenstück erzählen Ronja bzw. Marie und Dominik einfühlsam „Die Geschichte von Lena“, einem Mädchen, das in der Klasse grundlos ausgegrenzt und verspottet wird. Und dabei beginnt alles so idyllisch, spielerisch, an manchen Stellen geradezu lustig. Lena fährt mit ihrer Familie aufs Land an einen wunderschönen See in Schweden, angelt dort mit ihrem großen Bruder Klaus ihren ersten Fisch. Der einzige Wermutstropfen: Das Ferienhaus ist leider recht klein, sodass ihre beste Freundin Marie diesmal nicht mitfahren kann. Lena vermisst Marie, schreibt ihr Briefe, in denen sie ausführlich von ihren Erlebnissen berichtet. Auch den peinlichen. Schließlich vertraut sie ihrer besten Freundin ja. Als die Sommerferien aber vorbei sind und die Schule wieder beginnt, wird genau dieses Vertrauen jäh missbraucht. Lena muss beim Betreten des Klassenzimmers feststellen, dass Marie, die nur für ihre Augen bestimmten Briefe, höhnisch vor der gesamten Klasse verliest. Was folgt, ist ein Strudel aus Bosheit und Häme. Niemand spricht mehr mit Lena, ihre Einladungen zur Geburtstagsfeier bleiben unbeantwortet. Stattdessen muss sie sich von Patricia, Julia und ihrer doch eigentlich engsten Vertrauten sagen lassen, dass sie rieche „wie ein Haufen Scheiße“. So derb dieses Wort klingt, so sehr frisst es sich in Lenas Herzen fest und zernagt ihr Selbstbewusstsein. Auch dreimal am Tag zu duschen hilft nicht gegen das miese Gefühl, minderwertig zu sein. Und völlig allein auf der Welt. Denn Mutter und Vater verstehen nicht, was das Mädchen durchmacht. Auch Tobias, der Lena eigentlich doch mag, traut sich nicht, sie vor den anderen in Schutz zu nehmen und schwimmt lieber im Strom mit, als sich selbst dem Spott der Altersgenossen auszusetzen. Lena versteht die Welt nicht mehr, schließlich habe man im letzten Jahr doch noch gegen Patricia zusammengehalten.

Was die drei Jungschauspieler hier darstellen, ist leider kein Märchen und es lässt sich auch nicht in einen coolen Rap verpacken, wie gleich zu Beginn des Stückes deutlich wird. Mobbing ist grausame Realität, und zwar nicht nur an Schulen. „Erwachsene sind da oft nicht besser“, meint Schulleiter Stefan Klein im Anschluss nachdenklich. Daher sei es wichtig, immer wieder „darauf aufmerksam zu machen, was passiert, wenn Menschen grundlos ausgeschlossen werden.“

Am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengrube, aber auch enormer Respekt für die jungen Jean Paulaner, die 45 Minuten lang in jeder Hinsicht überzeugend und scheinbar völlig mühelos zwischen den unterschiedlichen Rollen wechseln und gleichzeitig als Erzähler in den einzelnen Szenen auftreten.

Dass sich solch ein Niveau natürlich nicht in zwei Schulstunden pro Woche erreichen lässt, sondern auch zahlreiche Nachmittage und Wochenenden zum Proben notwendig waren, liegt dabei auf der Hand. Ebenso braucht es freilich eine fähige Regieassistenz, welche in diesem Fall Lilly Weise (Q12) übernommen hat, sowie die Akteure hinter dem Vorhang, die sich um Licht und Ton kümmern: Leopold Kreutzer (8b), Jannis Gollwitzer (9b), Nico Machatschek-Kemnitzer (9b) und Yannick Bilski (Q12). Doch der Einsatz von Anja Stange und ihrem Team wird am Ende – zu Recht – bei beiden Vorstellungen mit einem donnernden Applaus des zahlreich erschienen Publikums belohnt.

Wer jetzt neugierig geworden ist, der hat am 29. und 30. April noch einmal die Chance, das Stück zu sehen, diesmal jeweils um 18 Uhr im Studio des Hofer Theaters.


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