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„Und ich war da“ – Was wäre dann gewesen?

Der Schriftsteller Martin Beyer liest am Jean-Paul-Gymnasium aus seinem neuen Roman „Und ich war da“.

Es ist ein bedeutungsschwerer Tag. Genau 75 Jahre ist es her, dass das KZ-Auschwitz befreit und der Holocaust ein Ende fand. Bis heute bewegt gerade Jugendliche die Frage, wie konnte das geschehen?

„Wer von euch sicher ist, dass er damals nicht mitgemacht hätte, dass er vielleicht sogar Widerstand geleistet hätte, der hebt bitte die Hand!“

Mit dieser Aufforderung an die Schüler der zehnten und elften Jahrgangsstufe des Jean-Paul-Gymnasiums beginnt der Autor Martin Beyer seine Lesung. Absolut überraschend, den ein oder anderen ertappend, aufschreckend, vielleicht sogar verärgernd – aber alle mit Sicherheit für die nächsten 90 Minuten fesselnd.

Nicht von einem Helden wird erzählt, nicht, wie meist, von einem Märtyrer oder Opfer, nicht von dem großen Glück, doch noch in letzter Minute den Grausamkeiten des Nationalsozialismus‘ entkommen zu sein – August Unterseher ist eher das Gegenteil davon. Er ist ein „Gehilfe“, dessen Namen fiktiv erdacht ist, dessen Name es nicht wert ist, im Hinrichtungsprotokoll von Sophie oder Hans Scholl erwähnt zu werden. Und doch steht er stellvertretend für die vielen Mitläufer, Mittäter, Mitschuldigen, die zum großen Ganzen der unvorstellbaren Grausamkeiten des Holocausts und des Dritten Reichs beigetragen haben. Martin Beyer lässt diese Person lebendig werden: Die widrigen familiären Umstände, in denen er aufwächst, scheinen zunächst fast so etwas wie Verständnis zu wecken, dass August die NS-Ideologie kritiklos annimmt. Doch im Laufe seines Lebens kommt immer wieder der Moment, dieser eine Punkt, an dem es die Möglichkeit gegeben hätte, sich zu entscheiden. Und die Zuhörer der Lesung hoffen gleichermaßen immer wieder, August möge doch bitte das Richtige tun, den Freund nicht verraten, der Freundin helfen, das Angebot des Scharfrichters ausschlagen…. Die geschickt ausgewählten Lesestellen, in fesselnder Profession vorgetragen, werden verknüpft durch die Erzählung dessen, was jeweils dazwischen im Leben von Unterseher geschieht. Am Ende der eigentlichen Lesung ist er allen sehr vertraut – und doch wirkt die Frage vom Anfang, wer hätte sicher nicht mit gemacht, nun noch härter.

Die gefesselte Aufmerksamkeit der Schüler zeigt sich in der anschließenden Diskussion mit Martin Beyer, der immer ganz klar Stellung bezieht und fordert, wachsam und mutig zu sein und die Gesellschaft, die Politik und sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Aus der Frage, warum hat August Unterseher so gehandelt, die Frage werden zu lassen, wie würde ich handeln – „und die kann und muss jeder für sich selbst beantworten.“

Die Mischung aus großer persönlicher Offenheit, fundiertem Hintergrundwissen, beeindruckender Schreibweise, jugendlichem Auftreten, klarer Positionierung und in den Bann ziehenden Vortragsart lassen die Lesung zu einem Highlight werden.


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