„Wozu braucht man das eigentlich?“ – Gedanken zum Profil des Fachs Religionslehre

Kirchentag in München – Papst besucht Deutschland – Religiöse Fanatiker sprengen sich auf Marktplatz in die Luft – Ökumenischer Trauergottesdienst für die Opfer des Grubenunglücks ...


Solche und ähnliche Schlagzeilen begegnen uns täglich in den Medien. Von Schokoladenosterhasen und Weihnachtsmännern in den Geschäften über berühmte und weithin sichtbare Kirchenbauten wie der Frauenkirche in München bis hin zu religiösen Feiertagen, überall finden wir Beispiele von Religion in unserer Gesellschaft, die mehr oder weniger deutlich, mehr oder weniger bewusst zu Tage treten mögen.

Diese Tatsache wirft verschiedene Fragen auf:

  • Was bedeutet es, wenn uns diese Anzeichen von Religion (nur noch) mehr oder weniger stark bewusst sind, wenn z.B. ein Großteil der Bevölkerung gar nicht mehr so genau weiß, was an bestimmten Feiertagen eigentlich gefeiert wird?
  • Welche Aufgabe(n) hat dann ein Schulfach „Religionslehre“ und welchen Stellenwert kann es bei allem Zeitdruck und Schulstress im Kanon aller anderen Fächer haben.


Das Fach Religionslehre nimmt in der Tat eine gewisse Sonderstellung ein. Zunächst einmal ist es das einzige Schulfach, das ausdrücklich im Grundgesetz der Bundesrepublik genannt ist (Art.7 GG) zum anderen wird es nicht nur vom (bayerischen) Staat verantwortet, sondern inhaltlich vor allem von den jeweiligen Religionsgemeinschaften bestimmt. Staat und Religionsgemeinschaften arbeiten an dieser wie auch an anderen Stellen also zum Wohle der Gemeinschaft zusammen. Was hat aber nun der Religionsunterricht mit dem Wohle der ganzen Gesellschaft zu tun?

Heutzutage ist es wie bereits angedeutet nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder und Jugendliche mit christlichen Traditionen, Bräuchen und Glaubensinhalten aufwachsen. Und dennoch oder gerade deswegen zeigt sich zum einen eine große Neugierde zum anderen aber auch eine gewisse Befremdung religiösen und speziell christlichen Glaubensinhalten und Vorstellungen gegenüber. Haben die Menschen unseres westlichen Kulturkreises spätestens seit der Zeit der Aufklärung nicht gelernt, dass man auch sehr gut ohne Religion leben kann, dass es wenig Sinn macht, einem Phänomen nachzujagen, das allzu oft schreckliche Auswüchse von Irrationalität, Unversöhnlichkeit und Gewalt mit sich bringt?

Ohne Frage kann Religion sowohl das Beste als auch das Schlimmste im Menschen hervorbringen. Sie kann sowohl die Abgrenzung voneinander als auch die Versöhnung fördern. Sie konnte scheinbar sowohl den Attentätern vom 11. September 2001 als auch Menschen wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi als Rechtfertigung und Motivation für ihre Taten dienen. Aber eben gerade deshalb, weil Religion ein Phänomen ist, das alle Menschen in ihren hellsten wie in ihren dunkelsten Momenten, in Freude wie in Trauer betrifft, ist es so wichtig, sich damit zu beschäftigen.

Besonders Kinder und Jugendlich sind vor die Aufgabe gestellt, die Welt, die sie umgibt, zu entdecken, zu erforschen und in gewisser Weise auch in Besitz zu nehmen, d.h. eine eigene Einstellung dazu zu finden. Vieles ist für sie noch offen, vieles noch unklar, spannend aber oft auch beängstigend. Woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich und wer möchte ich eigentlich sein? Religion und speziell der christliche Glaube können helfen ein Bewusstsein für den eigenen Lebensweg und die damit verbundenen Fragen, Schwierigkeiten und (Entwicklungs-)Aufgaben zu fördern. Dabei kann es nicht darum gehen einfach vorgefertigte Antworten zu übernehmen oder auswendig zu lernen, so hilfreich sie für die Generationen vor uns auch gewesen sein mögen. Christlicher Glaube bedeutet vielmehr den Mut und die Offenheit zu haben sich auf das Abenteuer des eigenen Lebens in der Gemeinschaft mit anderen einzulassen. Offenheit deshalb, weil sich nur ein nach außen – wie auch nach innen – offener Mensch wirklich weiterentwickeln kann. Und Mut, weil eben dieses offen sein für andere wie für sich selbst auch bedeutet angreifbar und verletzbar zu werden. Eben um diesen Prozess des Sich-Öffnens, des Vertrauens und des Liebens, der im Mittelalter oft mit einer großen Pilgerreise verglichen wurde, geht es im christlichen Glauben. In der kirchlichen Tradition stehen dafür z.B. der Dienste der Nächstenliebe („Diakonie“) und die symbolische Feier der Gemeinschaft Gottes und der Menschen im Sakrament des Abendmahls. Christlicher Glaube ist sozusagen der „Weg seine Angst zu verlieren“ hin zu einer Art von Gemeinschaft, welche die Individualität jedes Einzelnen respektiert und dennoch auch das Gemeinsame sucht, die sich darüber im Klaren ist, dass völlige Gleichschaltung und Einheitlichkeit genau das Gegenteil einer lebendigen Gemeinschaft darstellen, so wie auf einem Gemälde erst das Zusammenspiel der verschiedenen Farben den wunderbaren Gesamteindruck hervorbringt. Von daher hat christlicher Glaube auch viel mit Erziehung zur Demokratie und der Frage nach Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu tun.

Dieser Weg zur Gemeinschaft, Versöhnung und Frieden mit sich selbst, mit anderen und mit Gott (vgl. Doppelgebot der Liebe) ist meist ein durchaus steiniger, schwieriger und zuweilen auch von Gefahren gesäumter Weg. Immer wieder steht man in der Gefahr eine Abkürzung, den scheinbar „leichteren Weg“ zu wählen, sich mit einfachen Antworten zufrieden zu geben, die Welt sozusagen in schwarz und weiß einzuteilen, sich um andere nicht zu scheren, die eigene Meinung absolut zu setzen. Dies kann auch ganzen (Religions-)Gemeinschaften passieren, wie dies am Beispiel von fundamentalistischen Hasspredigern und deren Anhängern immer wieder zu sehen ist. Die Tatsache, dass dieses Phänomen in allen (Welt-) Religionen in der ein oder anderen Form auftritt, kann eine Warnung sein, die eigene Religion von solchen Auswüchsen allzu schnell auszunehmen.

Religionsunterricht hat mit all diesen Fragen und Phänomenen zu tun. Er bietet die Möglichkeit sich auf der Basis von gewissen Grundkenntnissen – die man sich auch in diesem Fach erst einmal aneignen muss – gemeinsam nach Antworten zu suchen und sich darüber auszutauschen, was uns in unserem Leben als tragfähig erscheint. Dabei können sowohl die großen Menschheitsfragen nach dem Woher und Wohin als auch ganz normale, scheinbar banale Alltagsfragen zur Sprache kommen (z.B. warum auch ein körperlich überlegener Oberstufenschüler eigentlich nicht wollen kann, dass ein schwächerer Unterstufenschüler bei der Essensausgabe in der Mensa weggedrängt wird).

In diesem Sinne ist Religionslehre ein besonderes Fach, das sowohl wegen der gesellschaftlichen Bedeutung philosophisch-ethisch-religiöser Fragen als auch wegen deren persönlicher Relevanz für das Leben jedes Einzelnen einen wichtigen Beitrag zu einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung leistet.

 

Michael Baumann – Fachbetreuer ev. Religionslehre